Manchmal ist die Normalität nur einen Wimpernschlag entfernt von einer Katastrophe. Dies erfährt die zehnjährige Melanie, genannt Melli, auf schmerzliche Weise. Eines Tages geschieht das Unfassbare: ihre Schwester Annika verunglückt tödlich. Für Melli und ihre Familie ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr, wie es war. Das Mädchen erlebt den Abschied am Totenbett, die Beerdigung und die schwere Rückkehr in den Alltag. Um die Mutter zu entlasten verbirgt Melli ihre eigene Trauer. Doch nach einem weiteren Todesfall bricht ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade zusammen ...

 

Aus der Sicht der heranwachsenden Melanie erzählt dieser Roman von der Schwierigkeit des Weiterlebens nach einem schmerzlichen Verlust.

 

Auf Amazon.de erhältlich als eBook oder Taschenbuch (184 Seiten)

 

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einfach so

Leseprobe

 

„Nein. Nein. Nein. Nicht mein Kind!“

Danach hörte ich nichts mehr. Ich sah nur den Mund des Arztes auf und zu klappen. Zwei weitere Gestalten in Weiß schwebten um uns herum. Ich starrte in das verzerrte Gesicht meiner Mutter. Hinter ihr stand mein Opa, der seine Hände auf ihre Schultern presste. Unter seinen randlosen Brillengläsern tropfte es nass heraus. Er suchte meinen Blick, während ich nur starrte und mein Mund sich anfühlte, als könnte ich ihn niemals wieder öffnen. Ich sah auch, wie sich die Lippen meines Großvaters bewegten und er auf mich deutete. Das alles ist nun schon so viele Jahre her, fast mein halbes Leben und trotzdem kann ich mich an bestimmte Dinge ganz genau erinnern. Anderes liegt im Dunkeln. Das ist vielleicht auch besser so. Mir reicht schon das, woran ich mich heute noch gut erinnern kann.  

Natürlich kann ich inzwischen auch an diesen Tag zurück denken, ohne in Tränen auszubrechen. Vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit an jeden Schmerz der Welt und natürlich wird er auch niemals wieder so überwältigend und unbegreiflich sein wie in diesen ersten Stunden. 

Die Heftigkeit des Schmerzes nimmt im Laufe der Zeit ab, das ist tatsächlich so und es gibt eines Tages auch wieder Raum für andere Empfindungen, sogar für Pläne und glückliche Momente. Das ist auch gut so, denn sonst könnte man einfach nicht mehr damit leben. 

Trotzdem spüre ich, wenn ich an diesen schwarzen Dienstag zurückdenke, immer noch das Entsetzen und diese Leere und das Gefühl, gelähmt in einen tiefen Abgrund gezogen zu werden. Ich spüre es wie ein Echo oder einen Nachgeschmack dessen, was mich damals erfasste. Meine Ohren nahmen keine Töne mehr auf, ich sah nur die Menschen um mich herum sich bewegen, sah offene Münder und Entsetzen. Heute glaube ich, dass mein zehnjähriger Verstand sich damals kurz ausgeschaltet hat. Ich weigerte mich zu begreifen, was für einen schrecklichen Moment in mein Bewusstsein eingesickert war. Nichts wollte ich mehr hören, wollte nicht hören, dass ich keine Schwester mehr hatte.


Kommentare: 1
  • #1

    Centrifugal Juicer (Samstag, 13 April 2013 05:05)

    This is a great blog post! Thanks for sharing!